Zwischen Tsunami und Tschetschenien - Hinter den Kulissen einer globalen Organisation
Gabriele Faber-Wiener, Communications Director, Ärzte ohne Grenzen, Wien

23. November 2006
 


Gabriele Faber-Wiener, seit 9 Jahren für Ärzte ohne Grenzen tätig, gab in ihrem Vortrag am MCI Einblick in die heute größte unabhängige medizinische Hilfsorganisation der Welt. Einigen wird Gabriele Faber-Wiener wahrscheinlich noch durch ihren ungewöhnlichen Aufruf am 3.1.2005, nur wenige Tage nach der Tsunami Katastrophe in Südasien, in Erinnerung sein, als sie zum Spendenstop aufrief, nachdem 120 Mio € an Geldern eingegangen waren und nach Schätzung der Organisation für deren Einsatz nur 20 Mio € nötig waren.

Ärzte ohne Grenzen wurde 1971 von französischen Ärzten gegründet, die frustriert von einem Einsatz im Bürgerkriegsgebiet Biafra zurückkamen und auf die begrenzten Möglichkeiten bestehender Organisationen stießen. In Österreich wurde die Organisation 1994 von Dr. Clemens Vlasich gegründet. Ziel von Ärzte ohne Grenzen ist es schnell, effizient und von Regierungen unabhängig medizinische Nothilfe zu leisten. Im Vordergrund steht die Humanität, die Hilfe ohne Diskriminierung, die im Gegensatz zur karitativen Hilfe den Menschen ein Recht auf Gesundheit einräumt. Diese Hilfe ist jedoch nur als Überbrückungshilfe zu verstehen und es ist nicht Ziel der Organisation Strukturen in den Einsatzländern zu ersetzen. Weiters wird großer Wert auf Unabhängigkeit und Unparteilichkeit gelegt. Um unabhängig agieren zu können müssen mindestens 50 % der Spenden von Privaten kommen – in Österreich sind es sogar 98 %.

Zu den Einsatzgebieten von Ärzte ohne Grenzen zählen die Katastrophenhilfe, Hilfe für Kriegsopfer, medizinische Hilfe für Menschen ohne Gesundheitsversorgung, Bekämpfung von Epidemien und Witnessing, das am besten mit „Stimme für Völker in Not“ übersetzt werden kann. Witnessing wird immer mit medizinischer Hilfe verbunden und spielt sich auf drei Ebenen ab: Proximity – das „Da-Sein“, das Sammeln von medizinischen Daten und Zeugenaussagen (im Kosovo wurden z.B. 1600 Befragungen durchgeführt), deren Dokumentation und das „Speaking Out“ in Pressekonferenzen und Berichten. Dafür wurde Ärzte ohne Grenzen 1999 der Friedensnobelpreis verliehen.

Bei Katastrophen wie z. B. beim Tsunami in Südasien oder bei Erdbeben in der Türkei zählen die ersten 72 Stunden. Um rasch Hilfe leisten zu können stehen 2 Logistikzentren in Europa (Bordeaux und Brüssel) und eines in Nairobi zur Verfügung. Dort sind ca. 150 medizinische und logistische „Kits“ (= fertig abgepackte Hilfsgüter und Materialien, die schon verzollt sind) gelagert, die in wenigen Stunden zum Abflug bereit sind. Privatspenden sind die Basis dafür, dass die Organisation unabhängig von politischen, religiösen und ökonomischen Interessen dort arbeiten kann, wo die Mitarbeiter den größten Bedarf feststellen. Ärzte ohne Grenzen hat als erste Organisation das „Österreichische Spenden Gütesiegel“ bekommen – 80 % der Gelder gehen direkt ins „Feld“. Gabriele Faber-Wiener konnte während ihrer Tätigkeit durch gezielte Kommunikationstätigkeit das Spendenvolumen von € 400.000 auf € 11 Mio steigern.

   
 
Fotos der Veranstaltung


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