Im Rahmen der Distinguished Guest Lecture Series begrüßte das MCI Josef Meichenitsch, Direktor der Oesterreichische Nationalbank (OeNB). In seinem Vortrag und der anschließenden Podiumsdiskussion widmete er sich Europas digitaler Souveränität im Zahlungsverkehr und gab Einblicke in aktuelle Entwicklungen rund um den digitalen Euro.
Der digitale Euro als „Zwilling“ des Bargelds
Ausgangspunkt des Vortrags bildeten aktuelle Studien zum Zahlungsverhalten in Europa und Österreich. Während Bargeld insbesondere in Österreich weiterhin eine zentrale Rolle spiele – rund 62 Prozent der Transaktionen am Point of Sale würden nach wie vor bar erfolgen – zeige sich zugleich ein klarer Trend hin zu digitalen Zahlungsmethoden.
Vor diesem Hintergrund positioniert Meichenitsch den digitalen Euro nicht als Ersatz des Bargelds, sondern als Ergänzung: „Wir als Zentralbank wollen sicherstellen, dass die Menschen so bezahlen können wie sie wollen: bar, mit Karte oder eben zukünftig mit dem digitalen Euro.“
Souveränität als zentrales Argument
Im Zentrum stehe die Frage der europäischen Unabhängigkeit: Der Großteil digitaler Zahlungen wird derzeit über außereuropäische Anbieter wie Visa und Mastercard abgewickelt. Diese Abhängigkeit könne sich insbesondere in geopolitisch angespannten Zeiten als Risiko erweisen.
Ein digitaler Euro könne hier gegensteuern und zugleich Vorteile für Konsument:innen, Zahlungsdienstleister und den Handel schaffen: Er wäre kostenlos im Euroraum einsetzbar, datenschutzkonform sowie online und offline verfügbar. Zudem würde er durch geringere Transaktionskosten und stärkeren Wettbewerb den europäischen Zahlungsmarkt stärken.
Zwischen Skepsis und Perspektiven
Gleichzeitig gebe es Vorbehalte: Banken sehen potenzielle Ertragseinbußen, während politisch teils Befürchtungen hinsichtlich Datenschutz oder einer möglichen Abschaffung des Bargelds geäußert werden. Meichenitsch betonte, dass dies nicht zutreffe: Der digitale Euro solle bestehende Freiheiten sichern, nicht einschränken.
Der laufende Gesetzgebungsprozess erfolgt auf europäischer Ebene unter Einbindung der Europäischen Kommission, des Rates der Europäischen Union und des Europäischen Parlaments. Eine mögliche Einführung des digitalen Euro stellte Meichenitsch – vorbehaltlich politischer Einigung und anschließender technischer Umsetzung – für das Jahr 2029 in Aussicht.
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