Wohnen – aber was ist, wenn die Wohnung fehlt?

Date 25.07.2025

Lukas Kerschbaumer über Wohnungs- und Obdachlosigkeit im Podcast „Von der Wiege bis zur Bahre“

Obdachlosigkeit – das Wort allein ruft bei vielen bestimmte Bilder hervor: Mann, ungepflegt, suchtkrank. Doch dieses Bild entspricht nicht den vielfältigen Problemlagen und komplexen Realitäten. Denn die breite Wohnungslosigkeit ist oft nicht sichtbar. Betroffene übernachten behelfsmäßig bei Freund:innen, in Interimsunterkünften oder leben in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe – fernab öffentlicher Wahrnehmung.

Stimmt dieses Vorurteil – männlich, suchtkrank - dennoch?

Ja und Nein. Obdachlosigkeit und Sucht gehen manchmal einher. Sucht „ist unter Umständen ein Grund für Obdachlosigkeit, aber kommt oft auch wegen oder mit der Obdachlosigkeit“, erklärt Lukas Kerschbaumer vom Center for Social and Health Innovation, MCI. Nein. Genaue Zahlen über Personen, die von Wohnungslosigkeit oder Obdachlosigkeit betroffen sind liegen nicht vor. Dennoch: auch Frauen, Kinder und Familien sind betroffen!

Obdachlos bzw. wohnungslos - das heißt vieles und ist mehr als das Leben auf der Straße. Die EU hat im Rahmen der Lissabon-Erklärung – die das ambitionierte Ziel verfolgt, Obdachlosigkeit bis 2030 abzuschaffen – eine umfassende Typologie entwickelt. Diese sogenannte ETHOS-Typologie, die auf wissenschaftlichen Datenquellen basiert, unterscheidet 13 Formen von Wohnungslosigkeit – von prekären, unsicheren Wohnverhältnissen bis hin zu Obdachlosigkeit. Als Orientierungshilfe gilt: Wohnungslosigkeit kann bedeuten in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe zu leben oder bei Freund:innen unterzukommen. Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, leben im öffentlichen Raum, z.B. auf der Straße. Klar ist: jede Person, die von Obdachlosigkeit betroffen ist, ist wohnungslos, aber nicht jede Person, die von Wohnungslosigkeit betroffen ist, ist obdachlos.

Wohnungslosigkeit, Obdachlosigkeit, prekäres Wohnen – all das ist ein Ausdruck von Armut und hat gesellschaftliche Folgekosten. Sie sind keine Identität, sondern ein Zustand – oft verursacht durch persönliche Krisen oder Krankheiten, aber auch durch strukturelle Faktoren wie fehlender, leistbarer Wohnraum oder geringes Einkommen. „Wie viel Hoheit haben Menschen darüber, ihre Situation zu ändern? Ein Mangel an Optionen ist das Ausschlaggebende. Dabei dürfen wir es nicht belassen“, meint Lukas Kerschbaumer (MCI). Wohnungslosigkeit kann jeden treffen! Wir sprechen daher von Menschen, die von Wohnungslosigkeit oder Obdachlosigkeit betroffen sind. Denn Wohnungslosigkeit oder Obdachlosigkeit ist keine Identität.

Auch in Innsbruck sind Menschen von Wohnungslosigkeit betroffen. Eine genaue Erhebung von statistischen Zahlen ist nicht einfach – Wohnungslosigkeit ist dynamisch und oft versteckt. Laut Statistik Austria waren im Jahr 2023 ca. 20.500 Menschen in Tirol als obdach- oder wohnungslos registriert. Ein deutliches Signal für akuten Handlungsbedarf.

Deshalb bekennt sich die Stadt Innsbruck zu den Zielen der Lissabon-Erklärung, die das Ziel verfolgt, Obdachlosigkeit bis 2030 abzuschaffen, und reagiert darauf mit entschlossenen Maßnahmen. Ein zentraler Schritt auf diesem Weg ist der im Februar 2025 gestartete Beteiligungsprozess zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit, der vom Center for Social & Health Innovation am MCI begleitet wird. Ziel ist gemeinsam mit allen relevanten Akteur:innen, von Sozialorganisationen über Verwaltung bis hin zur Klinik, konkrete Maßnahmen im Umgang mit Obdachlosigkeit und für mehr Wohnsicherheit zu entwickeln.

 Im Mittelpunkt stehen drei Handlungsfelder:

  1. Obdachloseneinrichtungen: Verbesserung von Qualität, Bedarfsdeckung und Infrastruktur.
  2. Sicher Wohnen: Stärkere Prävention, gezielte Beratung und nachhaltige Wohnversorgung.
  3. Langfriststrategie ab 2026: Entwicklung struktureller Lösungen für nachhaltige Integration wohnungslosen Menschen.

Das Center for Social and Health Innovation am MCI übernimmt die Moderation, Dokumentation und methodische Unterstützung des Prozesses. Dabei wird eine strukturierte und evidenzbasierte Herangehensweise verfolgt, um eine wirkungsvolle Zusammenarbeit der Stakeholder zu ermöglichen. Vorbilder wie Finnland zeigen, dass mit der richtigen Strategie – etwa durch Housing First – Obdachlosigkeit deutlich reduziert werden kann. Wohnungslosigkeit wird damit nicht (nur) als soziales, sondern als wohnpolitisches Problem erfasst. „Alles was die aktuelle Datenlage hergibt, sagt Housing First ist der optimale Zugang. <> Und dann treffen wir die Realität in Tirol, in Innsbruck, in Österreich , dass wir die Wohnungen dazu brauchen.“ (Lukas Kerschbaumer, MCI)

Die Vision für Innsbruck im Jahr 2050? Keine Obdachlosigkeit mehr. Stattdessen ein funktionierendes Netz aus Prävention, Unterstützung sowie Zugang zu menschenwürdigem Wohnen – und eine Gesellschaft, die Wohnen als Grundrecht begreift.

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Die Zitate stammen aus dem Podcast „Von der Wiege bis zur Bahre – der soziale Podcast“, in dem Tom Strickner gemeinsam mit Daren Ranalter (Hausleiter Alexihaus), Julia Schratz (Geschäftsführerin lilawohnt) und Lukas Kerschbaumer (MCI) über Wohnungslosigkeit spricht. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, hier reinzuhören.

<p><span sans-serif=Lukas Kerschbaumer spricht mit Daren Ranalter und Julia Schratz über das Thema Wohnungs- und Obdachlosigkeit in der zweiten Episode des Podcasts „Von der Wiege bis zur Bahre“. ©ISD

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Lukas Kerschbaumer spricht mit Daren Ranalter und Julia Schratz über das Thema Wohnungs- und Obdachlosigkeit in der zweiten Episode des Podcasts „Von der Wiege bis zur Bahre“. ©ISD

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