13. Dezember 2021

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Willenskraft und persönliche Regeln von Tirole und Bénabou

In der Wirtschaftswissenschaft geht man traditionell davon aus, dass man seine Entscheidungen danach ausrichtet, wer man ist. Ich persönlich mag kein Menthol, also kaufe ich nicht viel Kaugummi. In einem faszinierenden Artikel wird vorgeschlagen, dass es vielleicht umgekehrt ist: Was man tut, macht einen zu dem, was man ist.

Der Nobelpreisträger Jean Tirole und sein Mitautor Roland Benabou schlagen ein theoretisches Modell für intertemporale Entscheidungen vor. Dabei handelt es sich um Situationen, in denen Ihre Entscheidungen Ihr zukünftiges Wohlergehen bestimmen, z. B. Sparen für den Ruhestand, körperliche Betätigung, Studium an der Universität usw. Es ist ein wenig technisch, aber die folgende Abbildung zeigt die vereinfachte Situation, die die Autoren im Sinn haben. Zu Beginn können Sie entweder versuchen, Ihre Willenskraft einzusetzen (z. B. Ihr Studium zu beginnen), oder Sie können es ganz sein lassen. Entscheidend ist, dass man während dieses Prozesses irgendwann aufgeben oder bis zum Ende durchhalten kann. Beachten Sie, dass all diese Aktionen zu unterschiedlichen Gewinnen führen werden. Der Gewinn ist am geringsten, wenn Sie gar nicht erst versuchen, Willenskraft aufzubringen. Wenn man bis zum Ende durchhält, anstatt aufzugeben, erhält man die höchste Auszahlung (B>b), muss sich aber auch anstrengen (modelliert durch Kosten c>0). Die Hauptfrage des Artikels lautet daher: Wer hält im Angesicht von Widrigkeiten durch und warum?

In einem traditionellen ökonomischen Modell wäre die Antwort vergleichsweise einfach. Da ich die Kosten für das Ausharren jetzt auf mich nehme und später den zusätzlichen Nutzen daraus ziehe, werden nur die Geduldigsten ausharren. Doch hier kommt die entscheidende Annahme des Artikels ins Spiel: Die Autoren argumentieren, dass wir uns selbst nicht perfekt kennen, obwohl es solche Tendenzen geben mag. Solange ich mich nicht in dieser Situation befinde, weiß ich nicht, ob ich in der Lage wäre, ein mehrjähriges Studium zu bewältigen. Die einzige Möglichkeit, etwas über mich selbst zu erfahren, z. B. ob ich generell ein geduldiger Mensch bin oder nicht, ergibt sich aus meinem eigenen Verhalten in der Vergangenheit.

Dieser einfache Perspektivwechsel ermöglicht eine erstaunlich reiche Palette von Vorhersagen. Es mag sein, dass ich ein relativ ungeduldiger Mensch bin. Wenn ich mich selbst perfekt kennen würde, sollte ich mich nicht um Selbstbeherrschung bemühen. Da ich mich aber nicht kenne, könnte ich mich anfangs um Selbstkontrolle bemühen, was mich wiederum davon überzeugt, dass ich ein relativ geduldiger Mensch bin, und mir die Zuversicht gibt, durchzuhalten und tatsächlich die höchste Ausbeute zu erzielen. Seltsamerweise hat die Willenskraft eine Eigendynamik entwickelt, so dass mein Vertrauen in mich selbst auch im Nachhinein gerechtfertigt war, auch wenn es nicht meinem "wahren Selbst" entsprach. Mit anderen, zugegebenermaßen etwas pathetischen Worten: Ich habe mein eigenes Schicksal geschmiedet.

Benabou und Tirole (2004) liefern eine Fülle von interessanten weiteren Erkenntnissen. Strenge extrinsische Regeln in der Vergangenheit, wie z. B. eine übermäßig strenge Erziehung, können die Ausbildung guter Charaktereigenschaften verhindern. Eine zu starke Fokussierung auf eine solche Charakterbildung kann zu zwanghaften und nachteiligen Ergebnissen führen, die vielleicht mit Workaholismus vergleichbar sind.

Obwohl der Artikel theoretisch ist, ist er eine interessante Lektüre, die ich sehr empfehlen kann. Den Link zum vollständigen Artikel finden Sie rechts (Abonnement erforderlich).

 

Geschrieben von: Moritz Mosenhauer, PhD