Die Zukunft ist unternehmerisch

Date 11.03.2026

Interview zu Zukunftskompetenzen, Innovationskultur und die Bedeutung unternehmerischen Denkens für Studium, Forschung und Gesellschaft

Seit nunmehr zehn Jahren prägt Oliver Som das MCI – als Professor und Fachbereichsleiter Innovation & Technology Management, als Leiter des Forschungsschwerpunkts Entrepreneurship und als Mensch. Zum Jubiläum blickt er gemeinsam mit Departmentleiter Michael Razen auf prägende Momente, Entwicklungen und Zukunftsfragen zurück.

Michael: Oliver, Du bist nun seit zehn Jahren am MCI – herzliche Gratulation und ein großes Dankeschön für Deinen Einsatz! Wenn du zurückblickst: Was ist das erste Bild, das Dir in den Sinn kommt?

Oliver: Als Erstes denke ich an die familiäre Atmosphäre am MCI. An das vertrauensvolle und kollegiale Miteinander, an die kurzen Wege – und vor allem an unser Department-Team. Wenn ich an unsere Kolleginnen und Kollegen denke, erfüllt mich das mit Stolz. Stolz darauf, Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Aber auch das Privileg, unsere Studierenden in einer sehr prägenden Phase ihres Lebens begleiten zu dürfen, wenn sie beginnen, ihre eigenen Karrierewege zu gehen.

Michael: Und was war für Dich eines der schönsten Erlebnisse in diesen zehn Jahren?

Oliver: Da gibt es viele – aber eine Geschichte ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Nach einer Lehrveranstaltung, in der wir mit Improvisationstechniken gearbeitet haben, kam ein sehr ruhiger Studierender auf mich zu. Er erzählte mir, dass er eigentlich unter Sozialphobie leidet. Trotzdem hatte er mitgemacht, sich darauf eingelassen und gemerkt, dass es ihm sogar Freude bereitet hat. Solche Momente zeigen, was Lehre bewirken kann. Das sind echte Geschenke.

Michael: Du hast in den letzten zehn Jahren unzählige Studierende begleitet und ihre Entwicklungen miterlebt. Du siehst Deinen Beruf klar als Berufung. Was löst das bei Dir aus?

Oliver: Vor allem große Befriedigung und Stolz. Wenn ich sehe, was aus Menschen wird, wie aus Wissen Kompetenzen werden und sich individuelle Karrierepfade entwickeln, bestätigt mich das sehr. Es ist unglaublich erfüllend, diesen Weg begleiten zu dürfen.

Michael: Du hast viele Aufgaben und eine außergewöhnlich breite Expertise. Unter anderem leitest du den Fachbereich Innovation & Technology Management. Innovation ist für viele ein Schlagwort – was bedeutet Innovation für Dich?

Oliver: Innovation ist weit mehr als bloße Neuerung. Joseph Schumpeter hat sie als kreative Zerstörung beschrieben und dieser Gedanke ist hochaktuell. Für mich bedeutet Innovation, anders zu denken, neue Perspektiven einzunehmen, Bestehendes zu hinterfragen – auch sich selbst. Es geht darum, den Mut zu haben, Dinge neu zu denken und neue Wege zuzulassen.

Michael: Kreative Zerstörung führt uns direkt zur nächsten Frage: Wie siehst Du die aktuellen Entwicklungen rund um künstliche Intelligenz?

Oliver: Darüber ließe sich tatsächlich ein ganzer Vortrag halten. KI bringt ohne Zweifel zerstörerische Elemente mit sich, eröffnet aber gleichzeitig enorme Chancen. Gerade deshalb werden Zusammenarbeit, Kommunikation und soziale Kompetenzen wichtiger denn je. Innovation entsteht aus Kreativität – und Kreativität ist zutiefst menschlich. KI reproduziert, was bereits existiert. Menschen hingegen können begeistern, Sinn stiften und andere mitnehmen.

Michael: Du leitest auch den Forschungsschwerpunkt Entrepreneurship. Welche Trends und Entwicklungen beobachtest du hier besonders aufmerksam?

Oliver: Sehr vieles befindet sich aktuell im Umbruch. Das Bild des heroischen Einzelunternehmers ist weitgehend Geschichte. Kollektives Entrepreneurship, Teams und starke Positionierungen rücken in den Vordergrund. Ebenso gewinnen Start-Up-Ökosysteme, Nachhaltigkeit und KI stark an Bedeutung. Gleichzeitig sehen wir Herausforderungen, etwa die zunehmende Konzentration von Venture Capital im KI-Bereich sowie die hohe Fragmentierung in Europas Märkten.

Michael: Welche Rolle spielen Hochschulen dabei – und konkret das MCI?

Oliver: Eine ganz zentrale. Hochschulen leisten hier im Wesentlichen drei Dinge:

  • Erstens Lehre: Wir vermitteln fundierte Kompetenzen in Unternehmensführung, Controlling und Entrepreneurship.
  • Zweitens Forschung: etwa bei Proof-of-Concepts und technischen Machbarkeiten für Start-ups.
  • Drittens Transfer: Wir vernetzen, öffnen Marktzugänge, schaffen Sichtbarkeit und bauen Brücken zur Praxis.

Michael: Du bist außerdem Teil des wissenschaftlichen Teams am UNESCO Chair in Futures Capability for Innovation and Entrepreneurship. Welche Kompetenzen werden in Zukunft besonders wichtig sein?

Oliver: Viele Studien zeigen, dass junge Menschen auf die derzeit unsicheren und hochveränderlichen Umfeldbedingungen mit großer Verunsicherung reagieren. Am UNESCO Chair entwickeln wir Lösungen, wie im Rahmen der Hochschulbildung die sogenannte Zukünftegestaltungs-Kompetenz (Futures Literacy) von Studierenden entwickelt werden kann. Diese umfasst u.a. die Fähigkeit, Chancen und Potenziale in unterschiedlichen, auch auf den ersten Blick negativen Zukunftsvorstellungen zu erkennen, gemeinsame Vorstellungen von wünschenswerten Zukünften in partizipativen Prozessen zu entwickeln und diese gemeinsam Wirklichkeit werden zu lassen.

Michael: An welchem Projekt arbeitet Ihr aktuell am UNESCO Chair in diesem Bereich?

Oliver: Das MCI nimmt hier tatsächlich eine internationale Vorreiterrolle ein. Wir haben für das österreichische Bildungsministerium den ersten Referenzrahmen für Futures Literacy in der Hochschulbildung entwickelt – inklusive Lernzielen und praktischen Handreichungen für die Lehre. Dieser „FuturesComp“ wurde kürzlich zahlreichen Leitungen österreichischer Hochschulen vorgestellt und nun Schritt für Schritt in die Praxis überführt.

Michael: Gab es einen Rat, der Deine eigene Laufbahn besonders geprägt hat?

Oliver: Es waren weniger klassische Ratschläge als vielmehr Leitfragen:

  • Welchen Sinn möchte ich stiften?
  • Wofür mache ich das?
  • Welchen Beitrag leiste ich?

Wenn man diese Fragen für sich positiv beantworten kann, entsteht Authentizität. Mir ist es wichtig, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, sie zu unterstützen und ein Klima zu schaffen, in dem Innovation möglich wird. Genau deshalb bin ich am MCI.

Michael: Wenn Du an die Zukunft denkst: Wie möchtest Du, dass Kolleginnen und Kollegen und Studierende Dich einmal in Erinnerung behalten?

Oliver: Dass ich einen Unterschied gemacht habe. Und dass sie diesen Unterschied gespürt haben.

Michael: Was möchtest Du unseren Studierenden mitgeben?

Oliver: Gerade in diesen dynamischen Zeiten ist es entscheidend, an die eigenen Stärken und Kompetenzen zu glauben. Bildung bleibt der Schlüssel – auch und gerade im KI-Zeitalter. Nur mit Wissen können wir Technologien verstehen, Fake News oder Fehler erkennen und Gesellschaft aktiv mitgestalten. Jetzt ist eine unglaublich wichtige und spannende Zeit für alle, die etwas bewegen wollen.

Michael: Zum Abschluss – gibt es noch etwas, das Du teilen möchtest?

Oliver: Wo sind diese zehn Jahre geblieben? Es ist unglaublich viel passiert – Curriculumsreformen, die Pandemie, jetzt KI – allesamt große Herausforderungen. Aber wir haben immer schnell und unternehmerisch reagiert. Kein Studierender hat ein Semester verloren. Der Teamzusammenhalt war beeindruckend. Die Arbeit hier ist sinnstiftend, kurzweilig und Stillstand ist keine Option. Ich freue mich sehr auf die nächsten zehn Jahre.

<p>Michael Razen im Gespräch mit Oliver Som ©MCI/Hanna Amplatz</p>

Michael Razen im Gespräch mit Oliver Som ©MCI/Hanna Amplatz

<p>Oliver Som ist seit 10 Jahren bei uns im Team ©Som</p>

Oliver Som ist seit 10 Jahren bei uns im Team ©Som

<p>Michael Razen im Gespräch mit Oliver Som ©MCI/Hanna Amplatz</p>
<p>Oliver Som ist seit 10 Jahren bei uns im Team ©Som</p>
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