Grüße aus Bologna

Date 11.03.2026

Masterstudent Julian Russ berichtet von seinem Semester an der Universität Bologna

Warum haben Sie sich gerade für diese Hochschule entschieden?

Seit meiner Kindheit bin ich absoluter Italien-Liebhaber. Die Kultur, das Essen, die Musik mit Künstler:innen wie Jovanotti, Nek und Raffaela Carra, die seit frühester Kindheit immer über den CD-Player zu Hause und im Auto auf dem Weg in Richtung Italienurlaub abgespielt wurden. Und natürlich die südländische Lebensart. Die Freude am entschleunigten, einfachen Leben, am Zusammenkommen und die Konzentration auf die kleinen, besonderen Momente im Alltag.

Hier durfte ich auch den Begriff „Vita Lenta“ kennenlernen, was so viel heißt wie „langsames Leben“, bedeutet und diese südländische Lebensweise unterstreicht. Aufgrund meines noch ausbaufähigen Zeitmanagements und der deshalb notwendigen Jogging-Sessions zur Universität kam mir diese Lebensweise nach dem „Vita-Lenta-Prinzip“ sehr entgegen, da der Vorlesungsbeginn nicht auf die Minute genau getaktet war.

Bei der Frage, in welche Stadt italienische Stadt es gehen soll, hatte ich starke Unterstützung von der österreichischen Band „Wanda“. Mit ihrem gleichnamigen Lied „Bologna“, und dem Liedtext „Wenn jemand fragt, wohin du gehst, sag nach Bologna“ wurde mir die Entscheidung leicht gemacht. Für mich war es etwas ganz Besonderes, zu realisieren, dass ich an der im Jahr 1088 gegründeten und somit ältesten Universität Europas studiere. Die Bibliotheken, die Universitätsgebäude und die gesamte Stadt erzählen bereits bei ihrem reinen Anblick so viele Geschichten.

Dabei erinnerte die Universität mehr an eine Oper als an eine Bildungseinrichtung. Die Decken waren mit Stuck, Bögen und Malereien verziert und Statuen aus Marmor und Bronze schmückten die Treppenaufgänge und Eingangshallen. Selbst der Boden mit seinen verschiedenen Mosaikmustern war ein Blickfang für sich. Schon der Weg zur Universität war etwas Besonderes, wenn man durch die kilometerlangen Arkaden ging und sich an den liebevoll gestalteten Details im Stadtbild verlor.

Mir war bereits klar, dass diese Stadt aufgrund ihrer historisch gewachsenen universitären Ausrichtung sehr politisch ist. Doch das Ausmaß der Politisierung war mir nicht bewusst. Ich kam zu einer Zeit in Bologna an, in der sich der Konflikt zwischen Gaza und Israel verschärfte. Die Studierenden forderten einen vollständigen akademischen und institutionellen Boykott Israels sowie die Beendigung der universitären Zusammenarbeit. Daraufhin wurden zunächst Hörsäle und schließlich die gesamte Universität besetzt.

In den Lehrsälen wurden offene Diskussionsrunden mit Professor:innen veranstaltet und im Innenhof traf man sich zum gemeinsamen Transparentmalen, Austausch und Musizieren. Dabei wurden tägliche Protestzüge durch die Innenstadt geplant und durchgeführt. Teilweise wurden abends sogar einzelne Straßenabschnitte besetzt, indem Blockaden errichtet und Transparente mit der Aufschrift „Reclaim the Streets” aufgehängt wurden. Hier fanden dann selbst organisierte Raves statt. Die Art und Weise, wie sich die Studierenden als Kollektiv organisierten, engagierten und agierten, erfüllte den Ruf Bolognas als lebendige Stadt mit einer Geschichte des studentischen Engagements und des politischen Protests mehr als genug.

Wie gefällt Ihnen die Universitätsstadt? Wie erleben Sie die Kultur des Gastlandes?

Die gesamte Stadt ist allein durch ihren reinen Anblick ein Geschichtsbuch, das für sich spricht. An jeder Ecke verliebt man sich neu in die aufwendig gestaltete und mit Liebe zum Detail erbaute und erhaltene Architektur. Es sind ihre endlos langen Bögen, die Kirchen und die verschiedenen Orangetöne an den Häuserfassaden, die sich durch die ganze Stadt ziehen.

Zudem gibt es viele Erasmus-Veranstaltungen und Welcome Days, die das Kennenlernen vereinfachen. Auch außerhalb des organisierten Erasmus-Kollektivs bietet die Stadt viele Möglichkeiten, mit anderen Menschen zusammenzukommen. Es gibt unzählige kleine Cafés, Bars und begrünte Parks sowie ein umfassendes Kulturprogramm mit nahezu täglichen Live-Konzerten. All dies ermöglicht eine hohe Lebensqualität und einen abwechslungsreichen Alltag.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist natürlich die Kulinarik Bolognas. Studierende bekommen hier auch für den schmalen Geldbeutel eine Pizza Margherita für drei Euro (Pizza Casa & Pizza Toscana), die frisch aus dem Ofen kommt. Insgesamt war die Pizzeria „Pizza Dodo“ mein persönlicher Favorit. Aber auch Pasta-Liebhaber:innen kommen auf ihre Kosten und können selbst gemachte Tortellini, Lasagne und Tagliatelle al Ragù für durchschnittlich 14 Euro  genießen.

Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen Ihrer Gastuniversität und dem MCI?

Insbesondere die Architektur stellt einen zentralen Unterschied zwischen meiner Gastuniversität und dem MCI dar. Der Gang zur Universität glich dem Besuch einer Oper. Die prunkvollen Eingangsbereiche waren voller Statuen, Mosaiken, Malereien, Stuck und künstlerischer Verschnörkelungen an den Decken. Die Universitätsgebäude waren voller Historie und Geschichte. Für alle Kunst- und Geschichtsenthusiast:innen ist es ein sich nicht satt sehen können. Auch die Bibliotheken waren aufgrund ihrer Gestaltung Räume, in denen man sich sehr gerne aufhielt und in denen sich das Lernen aufgrund der Historie des Raumes anders anfühlte. Die Kursgrößen waren je nach Fach ganz unterschiedlich, meist ab 25 Personen aufwärts.

Was war bislang die größte Herausforderung während Ihres Auslandssemesters?

Das Erasmus Semester lernt einem viel Vertrauen in sich selbst zu gewinnen und eine optimistische Grundhaltung zu entwickeln. Man gewinnt eine neue Art der Gelassenheit, da sich auf dem Weg dorthin so viele spontane Hürden offenbaren. Dazu gehören organisatorische Dinge, die beim Städtewechsel entstehen, den Anforderungen des Erasmus-Programms nachzukommen, Kurswechsel und Änderungen im Learning Agreement vorzunehmen, ungeplante Krankenhausaufenthalte zu bewältigen und ein äußerst herausfordernder Wohnungsmarkt in Bologna. Gleichzeitig muss man sich schnell in einer neuen Stadt und einem ungewohnten Umfeld zurechtfinden. Und nebenbei hat man auch noch Dinge wie die anstehende Masterarbeit und die berufliche Perspektive im Hinterkopf. Das kann alles sehr überwältigend wirken, weil man manchmal das Ende nicht sieht.

Was hilft, ist, sich darauf zu konzentrieren, einen Schritt nach dem anderen zu gehen und sich dabei ruhig mehr zu vertrauen. Vieles ergibt sich jedoch, während man auf dem Weg ist, und vieles muss auch noch gar nicht sofort in dem Moment gelöst oder beantwortet werden. Hauptsache, man traut sich, den ersten Schritt zu gehen. Um es mit einem Beispiel aus Innsbruck zu veranschaulichen: Es ist wie beim Wandern bei Nebel auf der Nordkette. Sie wirkt oft überwältigend, und manchmal sieht man das Ende nicht. Wenn man jedoch erst einmal unterwegs ist, sich auf den nächsten Schritt konzentriert und in seinem eigenen Tempo geht, kommt man auch ans Ziel. Der Nebel ist in diesem Fall sogar hilfreich, da man nur bis zum nächsten Schritt sehen kann – und das ist mehr als genug, da es schließlich Schritt für Schritt den Berg hinaufgeht.

Diese Metapher habe ich während eines Laufs auf der Nordkette für mich entdeckt und versuche seither, sie mir immer wieder bewusst vor Augen zu führen. Und am Ende zeigt sich: Trotz aller anfänglichen Herausforderungen und Bedenken hat es sich aufgrund der tollen Begegnungen und persönlichen Erfahrungen, die man gemacht hat, allemal gelohnt, loszugehen und sich zu trauen. Aber genug von Innsbruck-Metaphern und Lebenstipps: Was ich sagen möchte, Viel Spaß in Bologna, die Stadt ist es allemal wert.

Möchten Sie uns sonst noch etwas erzählen?

Der Gang zu San Luca, einer Wallfahrtskirche, umgeben von den Hügeln Bolognas auf 300 Metern Höhe, erfolgt über die längste Arcade der Welt. Insgesamt sind es 666 ununterbrochene Bögen und vier Kilometer, die es zu bewältigen gilt, um die Kirche zu erreichen und den Ausblick über die Stadt und die Hügel Bolognas zu genießen. Hier kommen alle Innsbrucker Trailrunner:innen und Wanderenthusiast:innenen auf ihre Kosten. In den Hügeln Bolognas kann man sich mehr als gut austoben und es gibt zahlreiche Trails, die ein wenig Heimatgefühle hervorrufen.

Auch die Sonnenauf- und -untergänge sind eine Schau für sich. Für den Sonnenaufgang empfehle ich den Parco di Villa Ghigi, von dem aus man auch direkt nach Bologna sehen kann. Für den Sonnenuntergang empfehle ich die Wallfahrtskirche San Luca. Der Aufstieg dorthin ist allemal wert. Von dort aus kann man über einen direkten Trail auch weiter zum Fluss Reno gehen und sich noch einmal abkühlen, bevor man die Heimreise antritt.

Trotz der Schönheit der Stadt gibt es Gegenden, die man am Abend besser meidet. Dort ist es nachts nicht besonders sicher, weshalb ich empfehle, in Gruppen unterwegs zu sein. Dazu zählt zum Beispiel der stadtauswärts gelegene Teil der Straße „Via Zamboni“.

Am Hauptplatz, dem Piazza Maggiore kann man sich abends, umgeben von zahlreichen Eisdielen und Restaurants auf den Stufen der Kirche Basilika San Petronio, einer der größten Kirchen der Welt, noch das Treiben untermalt von musikalischen Straßenkünstler:innen ansehen.

Insgesamt ist diese Stadt wirklich lebenswert. Für mich war es der Mix aus lebendigem Stadtleben, der besonderen Architektur und der Möglichkeit schnell im Grünen, in den Hügeln Bolognas, zur Ruhe zu kommen, die mich so von ihr überzeugten.

<p><span sans-serif=Eindrücke aus dem Auslandssemester in Bologna ©Julian Russ

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Eindrücke aus dem Auslandssemester in Bologna ©Julian Russ

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Eindrücke aus dem Auslandssemester in Bologna ©Julian Russ

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